Donnerstag, 12. September 2013

Die ersten Drehtage

Eigentlich wollte ich hier jeden Tag schreiben und inzwischen bin ich eigentlich auch schon so geübt darin, dass ich mich dann abends auch noch wirklich zusammenreißen kann, aber die 13-Stunden Arbeitstage rechtfertigen wohl meine kleine Pause. Ich habe die Arbeit am Set wirklich unterschätzt und auch teilweise irgendwie falsch eingeschätzt. Auch wenn sich ein paar Vorurteile bestätigt haben, nämlich zum Beispiel, dass Schauspieler echt Beispiel nicht klar, wie viel Organisation hinter auch nur 10 Sekunden langen Szenen steckt: Man braucht Blocker, die den Drehort absperren und keine Leute mehr vorbeilassen, man muss Werbung (in unserem Fall vor allem Wahlplakate) abkleben, man braucht Komparsen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort durch das Bild laufen müssen, man braucht Leute, die den Komparsen Bescheid geben, man muss schauen, dass es gerade nicht zu laut ist (es ist unglaublich wie viele Martinshörner man in Städten hört) und noch viele andere Sachen, die mir gerade nicht einfallen, weil ich viel zu fertig bin. Insgesamt arbeiten etwa 30 Leute 13 Stunden am Tag für gerade mal  ca. 4 Minuten Filmmaterial.


Ich war und bin außerdem immer noch überrascht, was für GENIALES Essen man am Set bekommt. Ich esse ständig, wirklich ständig. Leider konnte ich noch nie wirklich ein Foto davon machen, es sind einfach ständig Leute um mich herum. Ich habe nur eins vom "Sweeties"-Teller gemacht, den es immer schon 1 Stunde nach dem Mittagessen ( besteht übrigens aus mindestens 3 verschiedenen Salaten, 4 warmen Gerichten und einer Nachspeise) zusammen mit einem Kuchen und einem großen Tablett Obst gibt. Wenn ich so weitermache, werde ich noch fet(ter), obwohl ich hier mehr Sport an einem Tag  mache als ich daheim in einem Monat. Der Begriff "Set-Runner" ist in dem Fall wortwörtlich zu interpretieren. Es gibt aber auch Momente, in denen ich kaum etwas zu tun habe und dann wirklich einschlafe. Bis jetzt ist noch kein Tag vergangen an dem mir nicht die Augen irgendwann mal zugefallen sind, aber dafür gibt es ja eine Kaffemaschine, die alle möglichen Sorten zur Auwahl hat, und immer und so oft man will für einen da ist. Der Nachteil von dem ganzen sehr guten Essen im Überfluss ist aber, dass die Leute sich daran gewöhnen und es gar nicht mehr schätzen. Es ist unglaublich wie viel hier an noch perfekten Lebensmitteln weggeschmissen wird. Oft muss ich die Brötchen und den Kuchen, der gerade mal ein paar Stunden alt ist, in den Müll machen, nur weil gerade keiner mehr Hunger hat. Ich habe immer so ein unglaublich schlechtes Gefühl, wenn ich das Essen im Müll sehe, aber ich traue mich nicht etwas zu sagen. Noch schlimmer ist es aber die ganzen Plastikflaschen zusammen mit dem Essen im Müll zu sehen. Ich klinge gerade wahrscheinlich wie der mega Öko, aber sowas stört mich einfach und macht mir die Leute auf irgendeine Art unsympathisch, ich hoffe es versteht irgendjemand, was ich meine.

(<- Wenn man neimanden hat, der einen fotografiert, hilft nur das hässliche ich-fotografiere-mich-selbst-mit-meinem-Handy-im-Badezimmerpsiegel-Foto) 
Am Set hat man so gut wie jeder ein Walkie-Talkie und ein Headset. Man fühlt sich dadurch gleich viel wichtiger, vor allem, wenn man damit durch die Stadt laufen muss oder Leuten extra den Weg versperrt. Ich fühle mich damit wie früher, als wir immer mit Walkie-Talkies verstecken gespielt haben, vor allem, wenn gerade gedreht wird und ich mich hinter Türen verstecken muss, weil ich ja nicht gesehen werden darf.Es macht auch richtig viel Spaß Uwe und die anderen Schauspieler rumzukommandieren, oder sie durch die Stadt zu begleiten. Man wird von allen sofort ernst genommen.

Hätte ich diesen Text diesen Eintrag schon am ersten Tag geschrieben, hätte er vermutlich noch ganz anders ausgesehen. Es ist unglaublich wie viel man an einem Tag lernt und wie schnell ich mich schon an alles gewöhnt habe. Ich habe sogar, dass Gefühl schon ein bisschen den berliner Dialekt übernommen zu haben, ich hoffe es aber nicht. Ich fühle mich so als hätte ich hier schon ewig gewohnt und sogar schon Freunde gefunden. Ich habe auch keine Bedenken mehr meinen Mitbewohner demnächst zum ersten Mal über den Weg zu laufen. Ich fühle mich gerade so selbstbewusst wie noch nie. So langsam kann ich auch die Namen der ganzen Leute aus dem Team. Trotzdem ist es immer noch komisch als Jüngste und Unerfahrenste sogar den Regisseur zu duzen. Heute ist mir aus Versehen ein "sie" rausgerutscht und ich wurde gleich komisch angeschaut und dann meinte Titus, der Regisseur, zu mir "Was Anna? Siezt du mich? Also bitte, jetzt fühle ich mich aber alt". Es fällt mir schwer ältere Leute zu duzen, vor denen ich Respekt habe.
Aber ich denke, dass man das so beim Film gewohnt ist, weil man einfach mehr Zeit mit dem Team verbringt als mit den eigentlichen Freunden. Man steht auf, dreht, geht heim und schläft. Am nächsten Morgen das gleiche wieder. Wie soll man auch noch für irgendetwas  Anderes Zeit haben, wenn man oft sogar mehr als 13 Stunden unterwegs ist.
"Social life" und Arbeit unter einen Hut zu kriegen, ist in der Branche wirklich unmöglich.

Ich glaube ich habe mich sogar schon an die Stadt gewöhnt. Gestern habe ich mich zum ersten Mal vor die Tür getraut, was aber eher weniger erfolgreich war. Alleine macht das einfach keinen Spaß. Ich bin nur geradeaus gelaufen, weil ich Angst hatte mich zu verlaufen. Irgendwann haben sich die Geschäfte wiederholt, es gibt hier wirklich sehr viele Dönerläden und Nachtkaufläden; etwas, was ich in Riedern wohl nie sehen werde. Nach 10 Minuten bin ich dann schon wieder zurückgelaufen. Aber ich war trotzdem stolz auf mich, wenigstens überhaupt mal auf die Straße gegangen zu sein.
Morgen werde ich um 6:20 Uhr abgeholt und dann fahren wir zu einer Kneipe zum drehen und eine Szene auf einem Hochhaus am Alex, von dem sich Uwe anscheinend runterstürzt(?).Ich schätze es wird einen Stuntman geben. Ich bin schon sehr gespannt und hoffe, dass ich mich wieder erfolgreich vor dem Wohnmobil fahren drücken kann. 
Ich schätze ich werde morgen wieder von Sirenen geweckt. Ich vermisse die Kirchturmglocken von Rieden. 

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